MOONROC im Gespräch mit ...

In unserem aktuellen Expertengespräch haben wir die möglichen volkswirtschaftlichen Auswirkungen und Folgen des Ukraine-Krieges näher beleuchtet und die wichtigsten Aussagen schriftlich zusammengefasst.

Als am 24. Februar 2022 Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine startete, wurde das unvorstellbare Szenario eines Krieges im Herzen Europas Realität. Inzwischen zählt das UN- Hochkommissariat für Menschenrechte über 5.000 zivile Opfer. Neben den vielen menschlichen Schicksalen und dem persönlichen Leid, das dieser Krieg mit sich bringt, bekommen Europa und Deutschland auch die ökonomischen Folgen zu spüren. Von einer Verstärkung des Fachkräftemangels, über steigende Inflation bis hin zu Engpässen in der Strom- und Gasversorgung. 

Die Kernaussagen aus der Expertenrunde haben wir im Folgenden für Sie zusammengefasst. Am Gespräch beteiligt waren:

 

Prof. Dr. Margo Bienert - Professorin für Wirtschaftswissenschaften, TH Nürnberg

Prof. Dr. Heiko Gewald - Professor für Informationsmanagement, Hochschule Neu-Ulm

Dr. Wolfgang Peters - Partner, Peters Legal Düsseldorf

 

Wie sehen Sie zukünftig den unternehmerischen Umgang mit der Ukraine & Russland?

 

Dr. Wolfgang Peters:

Wir müssen alles versuchen, um die ukrainische Wirtschaft zu unterstützen. Die Ukraine ist wirtschaftlich hoch interessant und aus unternehmerischer Sicht ist es spannend zu sehen, was passieren wird.

„Für den Bereich Dienstleistung und IT wäre es möglich, die Wertschöpfungsketten in andere Länder oder zurück nach Deutschland zu verlagern. Für Unternehmen, die in der Ukraine und Russland produzieren, ist dies allerdings schwieriger. Gerade in NRW haben große Unternehmen, motiviert durch die Politik der letzten Jahre, sehr viel in Russland, die Ukraine und Belarus investiert. Die Produktionsstätten können sie nicht einfach so verlagern oder zurückführen. Die Zusammenarbeit mit Russland und in erster Linie mit Putin sehe ich allerdings als schwierig an. Wie soll man das verlorengegangene Vertrauen wieder aufbauen (über 50% der russischen Staatsbürger stehen hinter Putin), nach dem, was dieser schreckliche Krieg bei den Menschen hinterlassen wird? Man kann das nicht einfach vergessen - nicht nach dem Motto "Handel schafft Wandel“. Das wird eine große Herausforderung sein.“

 

Prof. Dr. Margo Bienert:

„Es wäre wichtig, Arbeitsplätze für russische Bürger zu schaffen. Vor allem junge Staatsbürger müssen wissen: Wenn sie nachweislich gegen das russische Führungssystem sind, dann können und dürfen sie hier arbeiten. Gerade bei kleineren Unternehmen gibt es viele gut ausgebildete Leute, die aus Russland fliehen möchten. Vor allem die Gründung von Kleinunternehmen sehe ich hier als eine mögliche Lösung. Es gibt bereits Länder, die mit gutem Beispiel vorangehen. Ca. 100 Entwickler wurden in ihren bestehenden Strukturen ausgeflogen und sitzen jetzt in drei unterschiedlichen Firmen in Kasachstan, Armenien und Istanbul. Auch wenn diese Länder eine etwas freundlichere Politik zu Russland pflegen, frage ich mich, wieso so etwas nicht auch in Deutschland möglich ist, gerade weil das Thema Arbeitserlaubnis kein Problem darstellt. Besonders für junge Frauen (Männer zwischen 18 und 60 dürfen das Land nicht verlassen) wäre das eine unglaubliche Chance. Man müsste dieses Thema forscher angehen und nicht auf die Politik warten, sondern mit Organisationen zusammenarbeiten.“

 

Sind Sanktionen und juristische Hürden wirklich sinnvoll und wie sieht eine Wirtschaft ohne Russland überhaupt aus?

 

Prof. Dr. Heiko Gewald:

Der Ukraine Krieg verstößt in meinen Augen nicht nur gegen die territoriale Integrität, sondern auch gegen das Völkerrecht. Wie soll eine Zusammenarbeit in Zukunft aussehen, wenn Verträge das Papier nicht mehr wert sind, auf dem sie geschrieben sind?

„Russland ist aber auch keine ernsthafte Nachfragenation, die Bürger sind zu arm, die Inflation und die Risiken sind zu hoch. Dies hat sich durch den Krieg noch verstärkt und manifestiert und wird so schnell nicht aufzulösen sein. China hingegen wird Europa und Amerika in Zukunft weiter benötigen, agiert perspektivisch jedoch zu opportunistisch. Vielleicht ist das auch ein guter Anstoß für uns, die geopolitischen Nachfrage- und Versorgungsrisiken neu zu überbedenken. Dafür wäre es wichtig zu agieren, anstatt zu reagieren, allerdings war Deutschland bisher stehts zu langsam und zu vorsichtig. Das müsste sich ändern.“

                                                                                                                                    

Dr. Wolfgang Peters:

„Verträge müssen gelebt und können verletzt werden. Wenn sie verletzt werden, brauchen wir in unseren Staaten und in der Europäischen Union Gerichte, die auch die Fähigkeit haben zu sanktionieren. Ansonsten ist auch das Vertragswerk nutzlos. Was den Handel betrifft, so bin ich mir sicher, dass sich dieser neue Wege suchen wird. Die Ströme werden umgelegt, die Produktion wird verlagert. Ob es danach wieder einen Weg zurück gibt, bleibt fraglich. Für Unternehmen, die Geld investiert (Produktion) oder Maschinen geliefert haben, sehe ich größere Probleme mit den Sanktionen umzugehen und hier eine Lösung zu finden.“

 

Prof. Dr. Margo Bienert:

Ohne China und Indien werden unsere restlichen Sanktionen Russland nicht in die Knie zwingen.

„Russland wird sein Gas und Öl stattdessen an Indien verkaufen. Indien und Russland werden einen Weg für Finanztransaktionen an SWIFT vorbei finden. London könnte dann der große Verlierer sein. So viel Realpolitik müssen wir leider haben. Überraschenderweise verhält sich Indien dahingehend auch sehr opportunistisch. Sie ergreifen die Chance und sehen sich schon jetzt als größten Weizenexporteur der Welt - nachdem sie gemerkt haben, Ukraine und Russland fallen weg.“

 

In welcher Welt werden wir in 2-3 Jahren nach dem Krieg erwachen? Neuer Status Quo oder zurück zur alten Welt?

 

Prof. Dr. Margo Bienert:

„Beispiel, ein großer Kabelproduzent in Baden-Württemberg, der auch viele wichtige Werke in der Ukraine besitzt, will im Best Case Szenario - wenn der Krieg vorüber ist - seine Werke wieder neu aufbauen und die Lieferketten zum Laufen bringen. Was den Handel betrifft: Die Welt ist groß, wir allein können Russland nicht "aushungern". 

Der Handel wird wieder losgehen, nur eben dann ohne den Westen. Es gibt genügend Nationen, die trotz allem bereit sind mit Russland zu handeln (Türkei, China, Indien, Indonesien, etc.).

 

Prof. Dr. Heiko Gewald:

„Wenn es noch Hoffnung gibt, dass die Ukraine nach dem Krieg ein freies Land ist, dann mache ich mir um einen zügigen Wiederaufbau keine großen Sorgen. Meine Sorge ist Russland. Der gesamte internationale Handel basiert im Kern auf Vertrauen und die Einhaltung von Absprachen und Verträgen. Einer vertrauensvollen Zusammenarbeit in Richtung Russland stehe ich sehr pessimistisch entgegen. Mittelständlern, die enteignet wurden oder Flugzeug-Leasing Gesellschaften, die ihre Verträge kündigen mussten, wird es schwer fallen wieder ein Vertrauen zu Russland aufzubauen. Realistischer ist, dass eine neue Weltordnung und neue politische Weltachsen entstehen. Z.B. Russland-China-Indien, das wäre ungeachtet des militärischen Ausgangs des Krieges weltpolitisch ein erheblicher Kollateralschaden.“

 

Dr. Wolfgang Peters:

Es wird ein bis zwei Generationen benötigen, um das, was geschehen ist, wieder zu reparieren.

„Andere Mächte, wie die Türkei und China, sehen ihre Vorteile und werden den Welthandel und die geopolitische Instabilität nutzen wollen. Die Knappheit an Nahrungsmitteln wird zu neuem Denken bezüglich Überproduktion führen und neue Wege finden dem entgegenzuwirken. Letztendlich ist der Ausgang jedoch schwer vorhersehbar, im Moment sehe ich keine Lösung für die aktuelle Situation. Vor allem die Nachwirkungen bezüglich des wirtschaftlichen Vertrauens sind immens.“

 

Abschließende Worte – Was ist Ihr Ausblick?

 

Prof. Dr. Heiko Gewald:

„Eine gesichtswahrende Lösung für beide Seiten, mit dem Ende, dass Russland seine Ziele für erreicht erklärt und sich zurückzieht. Infolgedessen bekommt die Ukraine einen neutralen Status mit bilateralen Verträgen mit Russland und der NATO.“

 

Dr. Wolfgang Peters:

„Ein starker Zusammenhalt von Europa und Amerika wäre wichtig. Amerikaner haben immer zu uns gehalten, möglicherweise auch im Eigeninteresse, aber zumindest herrscht hier keine Unsicherheit bezüglich der Partnerschaft. Sicherheit schafft Vertrauen und Stabilität. Eine Zukunft lässt sich nur über Sicherheit erzeugen.“

 

Prof. Dr. Margo Bienert:

„Ich kann nur hoffen, dass der Krieg so bald wie möglich endet. Ganz Europa konnte die Ukraine nur mit Hilfe der Amerikaner unterstützen.“